Die Memoiren des Josh K. Phisher

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Man kann es sich auch schwer machen

Posted by princo - 31.05.2006


Aasgeiern ist es egal, was man über sie denkt, und Trittbrettfahrer brauchen ein Sportgerät.
Machen wir jetzt mal was ganz anderes, schreiben wir über eine Banalität.

Der nachfolgende Text strotzt nur so vor überflüssigem Geschwurbel. Aber ich brauche einen Vergleichstext, um später mal sehen zu können, ob sich mein Schreibstil weiterentwickelt. Es sind also keine großartigen Enthüllungen zu erwarten 🙂

Ziel des Textes ist es, einen leicht vertrackten Sachverhalt darzustellen, ohne ihn auf die reinen Fakten kastrieren zu müssen. Für die Geschichte sind die Emotionen und Gedanken der Beteiligten wichtig, und das soll nicht unter den Tisch fallen. Allerdings übertreibe ich bei diesem Element absichtlich und maßlos.

Man kann es sich auch schwer machen (von Josh K. Phisher)

Der Administrator kommt leicht verspätet zum Dienst, der First-Level-Support wird derzeit ins kalte Wasser gejagt frisch eingearbeitet, und schlägt sich bereits wacker am Telefon.

Er bestückt die Kaffeemaschine, loggt sich ein, liest ein paar Mails. Er mag keine Mails, es geschieht selten, daß er darauf antwortet. Seit gestern schmerzt ihm der Rücken etwas, der große Schmerz wird in ein paar Tagen zuschlagen. Er versucht, es zu ignorieren.

Der Kaffee ist fertig, tapfere Kaffeemaschine. Über Himmelfahrt war sie versehentlich angeblieben, sie funktioniert noch.

Der erste Kaffe wird in die kleine schmutzige Tasse gekippt, dann die erste Zigarette, draußen auf dem Gang. Bald wird das Rauchen überall verboten sein, so lautet eine hausinterne Anweisung. Es werden Kurse zur Raucherentwöhnung angeboten.

Scheiß Nichtraucher.

So langsam kommt er in die Gänge, er ist ein Administrator vom alten Schlag, hat früher noch Programmcode in Lochkarten gehackt, kennt sogar jemanden, der noch Kernspeicherringe auffädelte, und Festplattenköpfe mit der Hand justierte. Gute alte Zeit.

Der Telefonknecht First-Level-Supporter eilt herbei: „Hier vermisst jemand ein paar Dateien.“. Sowas kommt häufig vor, nichts Besonderes eigentlich, aber diesmal muß sich der Admin selbst darum kümmern. Ist gar nicht mal so übel. Wenig Arbeit, viel Dankbarkeit.

Meist sind die Dateien ja gar nicht gelöscht, sondern nur verschoben. Das ist dann etwas mehr Arbeit, weil man sie erst suchen muß, aber der alte Administrator hat dafür ein paar spezielle Tricks auf Lager.

Er ruft das betreffende Verzeichnis auf, um sich die gelöschten Dateien anzeigen zu lassen. Stimmt, da sind eine Menge gelöschter Dateien. Aber welche davon will der Anrufer wiederhaben? Warum sind die überhaupt gelöscht worden? Ist es möglich, daß ein wohlmeinender Kollege einfach mal ausgemistet hat?

Das muß zuerst geklärt werden, könnte ja sein, daß man sich die Arbeit sparen kann. Aber dafür muß man den Leuten hinterhertelefonieren. Mist.

Vielleicht hat der Administrator ja Glück.

Auf seinem Bildschirm sieht er, wer diese Dateien gelöscht hat, und lässt sich die Telefonnummer anzeigen. Eine Frau.

Er ruft an, und nach dem zweiten Klingeln wird abgehoben. Eine freundliche, etwas ältere Stimme meldet sich. Der Administrator fragt, was er fragen muß, die nette Dame verneint. Sie hat die Dateien nicht gelöscht.

Der Administrator hat genug Erfahrung gesammelt, um zu erkennen, daß diese Frau die Wahrheit sagt.

Er weiß aber auch, daß sein System nicht lügt. Unter der Kennung dieser Frau wurden die Dateien gelöscht. Definitiv.

„Kennt denn jemand anderes ihr Passwort?“, fragt er direkt.
„Nur meine Vertretung.“, die Antwort.

Da ärgert sich der Administrator, denn soetwas ist strikt untersagt, und zwar aus gutem Grund.
Es folgt eine einfache Erklärung, daß man die Passwörter nicht untereinander austauschen darf.
Das Beispiel mit der EC-Karte und der Pin-Nummer verstehen die meisten, er hat es schon vielen erzählt.

Innerlich etwas angesäuert, ruft er bei der Vertretung an:
„Haben Sie mit der Kennung ihrer Kollegin Dateien ihres Kollegen gelöscht?“, er bleibt freundlich.
Die Antwort war leider zu erwarten, und seltsamerweise hat der Administrator auch hier das Gefühl, daß man ihn nicht belügt. Diese Frau nutzt das EDV-System offensichtlich nur sporadisch, die wäre viel zu bequem dazu, überhaupt Dateien zu löschen, erst recht nicht die ihrer Kollegen.

Es folgt die nächste Belehrung, und die EC-Karte muß ein weiteres mal als Beispiel herhalten.

Die Alarmbimmel ist zwischenzeitlich angegangen: Wer, zum Teufel, hat diese !*X_$!-Dateien gelöscht? Irgendetwas stimmt hier nicht.

Er schaut sich die Dateinamen und die Löschzeitpunkte genauer an, macht Stichproben in anderen Verzeichnissen. Etwas ist faul an der Sache. Diese Löschungen passen nicht in das übliche Schema, wo normalerweise ganze Verzeichnisbäume aus Versehen abgeholzt werden.

Eine zweite Alarmglocke ertönt.

Er ruft wieder bei der ersten Kollegin an: „Sind Sie sicher, daß sie nicht doch die Daten gelöscht haben? Wäre ja gar nicht so schlimm, kann jedem mal passieren.“ fragt er hoffnungsvoll.

„Nein, ich war doch gar nicht da!“

Großalarm. Das bedeutet richtigen Ärger.

„Hat nicht doch noch jemand anderes ihr Passwort?“
„Nein, nur meine Vertretung. Und die löscht auch nichts.“
„Wie halten sie es denn mit ihrem Passwort? Schreiben sie es sich auf?“, fragt der Administrator direkt.
„Naja, ich habe mir Kennung und Passwort in meinen Tageskalender geschrieben.“ Wenigstens ist sie ehrlich.
„Und wo befindet sich ihr Tageskalender normalerweise?“, der Administrator hat Angst vor der Antwort.

„Auf meinem Scheibtisch.“

Für einen klitzekleinen Moment steht die Zeit still.

Die Geschichte geht eigentlich noch weiter, aber für eine Stilprobe sollte es erstmal reichen. Oder soll ich die Story noch zu Ende schwurbeln?

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8 Antworten to “Man kann es sich auch schwer machen”

  1. abi said

    Ich sagte ja, du schreibst gut… Wirklich amüsant anzusehen, wie der Administrator, der alte weise Mann, ausflippt 😀

  2. […] Die Geschichte vom Administrator… Wer kennt so etwas nicht? Wer, Du? Dann lies… 🙂 […]

  3. dr_schroedernb said

    …bin schon sehr gespannt wie es weiter geht…

  4. Sören said

    Hallo Princo !
    Das klingt ja ganz gut. Die Geschichte baut sich gut auf. Am Anfang scheint alles nur wieder ein DAU gewesen zu sein und dann wird’s mit jedem Anruf komplizierter.
    Die sich für den alteingesessenen Administrator verändernde Firma (Rauchverbot, Kurse zur Entwöhnung) und den Administrator selbst (schmutzige Tasse, mag keine Mails, Rückenschmerzen, …) kann man gut erfassen. Das sind zwar in der Sache Banalitäten, aber so beiläufig erwähnt, kann man sich in die Situation hineinversetzen. Man kennt’s ja auch. 😉
    Ein wenig Kritik bezüglich deiner Wortwahl sei mir aber bitte genehmigt:
    „Da ärgert sich der Administrator“ klingt wie aus einem Kinderbuch. Wie wäre es mit „Verärgert nahm er einen Schluck vom schon kalten Kaffee“ ? Wäre ich an der Stelle des Admins, wäre ich jetzt sauer – wegen der „Tippse“, die ihr Paßwort weitergibt und wegen des widerlichen Kaffees. Und die „Alarmglocken“ und die stillstehende Zeit sind für meinen Geschmack etwas übertrieben. Nicht in der Sache, aber von der Wortwahl. Wenn ich eine spannende Geschichte lese, werden die Hauptfigur und ich eins. Das aber holt mich zurück, da ich noch nicht sooo sehr entsetzt wäre. Allerdings fällt mir auch momentan nichts ein, um die erwachende Aufmerksamkeit des Admins zu beschreiben. Aber es ist ja auch deine Geschichte.
    Nimm’s mir nicht krumm ! Bis auf diese Kleinigkeiten gefällt mir der Anfang schon mal recht gut.
    Nun spann’ uns nicht so lange auf die Folter ! Wir wollen ja auch wissen wer, warum, welche Daten gelöscht hat und ob der alte Admin ihn überführen kann.
    Viele Grüße !
    Sören

    P.S. Nur mal so aus Neugier: In welcher Region bist Du eigentlich zu Hause ? Damit ich weiß, in welche Richtung ich denken muß. 😉

  5. princo said

    Keine Angst, die Geschichte geht weiter. Nur kam ich heute nicht zum Weiterschreiben, weil die geniale CSI-Doppelfolge von Quentin Tarantino gesendet wurde.
    @Sören
    Danke, daß du mir hilfst, meinen Stil zu verbessern. Deswegen habe ich den Artikel ja überhaupt verfasst.

    Die "Ärger"-Formulierung muß ich mir nochmal durch den Kopf gehen lassen. Dein Tip mit der Kinderbuchformulierung hat etwas für sich.

    In der Einführung zu diesem Text erwähnte ich ja, daß die Emotionen besonders herausgestellt werden sollen. Bei dieser Textstelle ging es darum, daß der Ärger zwar da ist, der Administrator ihn aber nicht an sich heranläßt, da er soetwas gewohnt ist. Er läßt den Ärger einfach verpuffen, und braucht dafür nichtmal eine Ersatzhandlung.

    Der Kaffee ist zu diesem Zeitpunkt noch genießbar, was sich im Lauf der Geschichte noch ändern wird (dieses Element wollte ich später ins Spiel bringen).

  6. […] Das sah zuerst auch wie ein Trollposting aus, aber der Administrator half mir bei der Echtheitsanalyse, die Überraschendes zutage förderte: […]

  7. […] Was Princo mit seinem Administrator hat, hab ich mit meinen „lieben“ Gästen. […]

  8. Denis said

    Warum nur kenne ich diese und ähnliche Situationen allzugut….

    -.-

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