Die Memoiren des Josh K. Phisher

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Wohnraumverdichtung in Deutschland

Posted by princo - 06.02.2007


Eigentlich ein herrliches Thema zum Bloggen, wenn es denn nicht so traurig wäre:

Wie der MDR berichtet, müssen Hartz IV-Empfänger in Löbau auf Teile ihres Wohnraumes verzichten, weil ihre Wohnung zu groß ist.

Konkret bedeutet dies, daß diese armen Teufel ein Zimmer ihrer Wohnung räumen müssen, dafür aber auch die Miete um diesen Teil reduziert wird.

Selbstverständlich wird die „Nichtnutzung“ regelmäßig kontrolliert. Funktionieren kann das natürlich nur, weil der Vermieter auf diesen Teil der Miete verzichtet.

Dazu muß man wissen, daß es in den betreffenden Wohngebieten derzeit eine Leerstandsrate von 18% gibt, und für die betroffenen Mieter kein kleinerer (und damit billigerer) Wohnraum verfügbar ist.

Anders herum kann man natürlich auch daraus folgern, daß es in Löbau viele große Wohnungen gibt 🙂

In den Nachrichten und einschlägigen Boulevardmagazinen war das heute das Thema, und in den Blogs findet es auch seinen Niederschlag. Aber über der ganzen Empörung sollte man evtl. auch mal kurz über die guten Seiten dieser Maßnahme nachdenken:

  1. Die Leute werden nicht zwangsumgesiedelt, können also in ihrem sozialen Umfeld weiterleben.
  2. Die Kosten werden gesenkt, zumindest auf dem Papier.
  3. Die Maßnahme ist so dermaßen widersinnig, daß sie Aufmerksamkeit erregt, und das ist das Beste daran.
  4. Man kann die ganze Aktion auch wieder rückgängig machen!

Bevor man aber jetzt anfängt, auf die dummen Bürokraten zu schimpfen, sollte man vielleicht Folgendes wissen:

Auch im öffentlichen Dienst, wie z.B. der kommunalen Verwaltung, finden genau solche Verdichtungen statt, mit der Absicht die Kosten zu reduzieren.

Nur „Mit der Absicht“?

Ein stark vereinfachtes Szenario:

Nehmen wir doch einfach mal die Stadt „Schilda“ als Beispiel. Diese Leute hatten ja bekanntlich ein Problem mit ihrem Rathaus. Nachdem sie die fehlenden Fenster nachgerüstet hatten, entwickelte sich eine sehr schöne Stadtverwaltung. Im gar prächtigen Rathaus war das Bauamt, das Gesundheitsamt, das Jugendamt, das Umweltamt, das Standesamt und die Volkshochschule untergebracht. Die Bürger von Schilda waren sehr stolz auf ihr Rathaus.
Die Zeit verging, aber die Lage wurde immer schlechter. Viele Einwohner von Schilda wurden arbeitslos, und waren auf die Unterstützung anderer angewiesen. Auch an den Beschäftigten des Rathauses ging diese Zeit nicht spurlos vorüber. Sie wären zu teuer, wurde ihnen vorgehalten.

Man kürzte ihnen den Lohn, verlängerte die Arbeitszeit, mobbte einen Teil hinaus und trieb einige in den Selbstmord. Aber so sehr man sich auch bemühte, die restlichen Beschäftigten wollten nicht ganz umsonst arbeiten, und die Kosten waren immer noch zu hoch. Da besann man sich auf eine weitere Idee: Kosten-/Leistungsrechung! Das könnte doch die Lösung sein. Also wurden die Mitarbeiter angehalten, ihre Arbeit revisionsfähig zu dokumentieren. Wieviele Anträge kann der Sachbearbeiter Huber am Tag bearbeiten? Je mehr, desto besser natürlich.
Nur wird Herr Huber nicht nach der Anzahl der Anträge bezahlt. Das ist natürlich dumm.

Bleiben nur die übrigen Kosten: Der Herr Huber sitzt ja im gar prächtigen Rathaus. Und für sein Büro ist ja eigentlich auch eine (kalkulatorische) Miete fällig. Die muß natürlich in die Kosten reingerechnet werden. Dabei ist vollkommen unerheblich, daß das prächtige Rathaus schon 100 Jahre alt, und längst bezahlt ist. Wer in einen solch tollen Gebäude arbeiten darf, dessen Abteilung soll gefälligst die (fiktiven) Kosten anteilig tragen.

Der Chef vom Herrn Huber ist ein schlauer Mann. Der weiß, daß die Räume im Rathaus zu teuer sind. Also gibt er einige Räume auf, und pfercht die Leute auf möglichst engen Raum zusammen, weil das ja kostenrechnerisch „billiger“ ist (Raumverdichtung). Das läßt er sich sogar etwas kosten: er tauscht die alten Monitore gegen moderne Flachbildschirme aus, weil die ja weniger Platz brauchen, und man die Schreibtische enger zusammen stellen kann.

Nur reicht das auch nicht aus, die Arbeit ist immer noch zu teuer. Die Controller sitzen dem Abteilungleiter im Nacken, er soll weiter einsparen. Was soll er tun? Etwa Personal abgeben? Das geht gar nicht, wie soll sonst die Arbeit geschafft werden?

Bleibt nur noch die hohe fiktive Büromiete (wir erinnern uns: das tolle Rathaus ist längst bezahlt, es fallen real nur Unterhaltskosten an).

Da kommt der Chef vom Herrn Huber auf eine weitere tolle Idee: Er zieht mit seiner Abteilung aus dem prächtigen Rathaus in ein tolles und viel günstigeres Bürogebäude am Stadtrand. Rein kostenrechnerisch ist er jetzt aus dem Schneider, die Leistung seiner Abteilung ist viel billiger geworden. Das sehen auch die anderen Abteilungsleiter, und machen es dem schlauen Chef von Herrn Huber nach.

Bleibt nur ein Problem: das nunmehr leere Rathaus ist immer noch im Besitz der Bürger von Schilda. Diese bezahlen weiterhin für dessen Unterhalt, und natürlich zusätzlich auch noch für das neue Büro von Herrn Huber und seinen Kollegen.

Was machen die Bürger von Schilda mit einem leeren Rathaus? Verkaufen? Es will keiner haben.
Nicht mal als Edelpuff für diverse Konzernvorstände kann man es nutzen.

In der Verwaltung herrschen oft die gleichen abstrusen Sachzwänge, wie sie momentan in der der Stadt Löbau publik geworden sind.

Ist die Geschichte reine Spinnerei?

Ihr habt echt keine Ahnung….

Sorry für diesen Exkurs, er soll nur verdeutlichen, daß die derzeit in Löbau durchgeführten Handlungen möglicherweise gar nicht so abstrus sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Die Leute bleiben in ihren Wohnungen, und es könnte alles von heute auf morgen rückgängig gemacht werden.

Allerdings müßten dazu einige Diskussionen in Gang gebracht werden, die weit über den Tellerrand hinaus gehen.

Wenn man sich das aber alles gefallen läßt…

In diesem Sinne.

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