Die Memoiren des Josh K. Phisher

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#geiselnahme #leipzig #medienkritik

Posted by princo - 24.06.2010


Am 15.05.2010  nahm ein Mensch in einer H&M-Filiale in Leipzig eine Reihe von Geiseln. Diese Geiselnahme ging nach einigen Stunden unblutig zu Ende.

[picapp align=“left“ wrap=“true“ link=“term=hostage+leipzig&iid=9122717″ src=“http://view1.picapp.com/pictures.photo/image/9122717/german-special-police/german-special-police.jpg?size=500&imageId=9122717″ width=“380″ height=“269″ /]Dieser Artikel beschäftigt sich mit den medialen Auswirkungen dieses Ereignisses. Er erscheint mit einigen Tagen Abstand, da ich zuerst die Stellungnahme eines der Zeugen abwarten wollte.

Kurz nach dem Bekanntwerden dieser Geiselnahme wurden über den Online-Dienst Twitter diesbezügliche Meldungen publiziert Diese Meldungen wurden zuerst von den Menschen verbreitet, welche sich in unmittelbarer Umgebung der Geiselnahme befanden.

Es wurde darüber berichtet, wo sich die Einsatzkräfte befanden, welche Absperrmaßnahmen durchgeführt wurden, und ob Rettungswagen bereit standen.

[picapp align=“left“ wrap=“true“ link=“term=hostage&iid=9122703″ src=“http://view.picapp.com/pictures.photo/image/9122703/german-police-approach-the/german-police-approach-the.jpg?size=500&imageId=9122703″ width=“380″ height=“258″ /]Diese Angaben basierten allerdings auf subjektiven Wahrnehmungen und Interpretationen. So wurden z.B. Polizei- und SEK-Kräfte wild durcheinandergewürfelt und über den aktuellen Verhandlungsstand konnten nur Vermutungen angestellt werden. Es konnte also nur über das berichtet werden, was offensichtlich sichtbar war.

Die Webseite der lokalen Zeitung brach sofort unter dem Ansturm informationshungriger Interessenten zusammen, die einzige aktuelle (aber unsichere) Nachrichtenquelle war der Online-Dienst Twitter.

Der Twitteruser @Konni (Konstantin Winkler, ein Redakteur von 90elf) war zufällig vor Ort, und berichtete live vom Geschehen. Für diese Berichterstattung wurde er hart kritisiert (meiner Meinung nach zu Unrecht) und er hat sich dazu in einem Blogartikel ausführlich geäußert.

Für den nachfolgenden Exkurs sei zuerst auf die Geschehnisse der Geiselnahme von Gladbeck verwiesen. Damals spielten die Medien eine sehr unrühmliche Rolle bei der Berichterstattung, weil die Reporter aktiv in den Verlauf der Geiselnahme eingegriffen haben, welche mit dem Tod von zwei unschuldigen Menschen endete.

Die Ereignisse in Gladbeck waren sehr einschneidend, und regten heftige Diskussionen auf verschiedenen Ebenen an. Darunter auch über die Rolle der damals beteiligten Journalisten. Als eine Folge davon wurde der Pressekodex erweitert. Das betraf vor allem die Richtlinie 11.2 – Berichterstattung über Gewalttaten:

„Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen. Sie unternimmt keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei.
Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben.“

Ich habe die Ereignisse in Leipzig über Twitter mitverfolgt, und habe auch die Kurznachrichten von @Konni mitbekommen. Im Wesentlichen hat er darüber berichtet, daß er vor Ort ist, wo die Geiselnahme stattfindet, daß Geiseln freigelassen wurde, daß die Polizei Absperrungen vornimmt, daß das SEK eingetroffen ist, daß die Polizei telefonisch Kontakt zum Geiselnehmer aufgenommen hat, und daß Kamerateams vor Ort eingetroffen sind.

Das waren alles Dinge, welche er von seinem Standpunkt aus wahrnehmen konnte, und die offensichtlich waren. Er hat tatsächlich unabhängig und authentisch berichtet, und sich dabei nicht als Werkzeug des Täters mißbrauchen lassen. Er hat dabei weder eine Polizeiabsperrung umgangen, noch hat er den Kontakt mit dem Täter gesucht.

Meines Erachtens hat er weder gegen den Pressekodex verstoßen, noch sonstige Anstandsregeln verletzt.

Trotzdem wird er von einigen Wichtigtuern schwer angegangen (Links dazu findet ihr in seinem Artikel und den dortigen Kommentaren). Folgt man deren wirrer Argumentation, so wäre wohl jegliche Live-Berichterstattung grundsätzlich unzulässig, weil da ja immer nur subjektiv berichtet werden kann, und außerdem der Geiselnehmer wichtige polizeitaktische Details erfahren könnte.

Mal ganz abgesehen davon, daß @Konni gar nichts „polizeitaktisch relevantes“ getwittert hat, ist die Anlehnung an „Gladbeck“ in der Argumentation erkennbar.

Dieser Vergleich läuft aber komplett ins Leere, wenn man die Hintergründe der beiden Ereignisse miteinander vergleicht. In Gladbeck handelte es sich um einen mißglückten Raubüberfall (mit anschließender Geiselnahme und Flucht), während der Täter in Leipzig mit seiner Aktion gezielt die Öffentlichkeit erreichen wollte.

Bei dem einen Fall waren zwei professionelle  Schwerkriminelle am Werk, welche eigentlich gar nicht in die Öffentlichkeit wollten, im anderen Fall ein möglicherweise verwirrter Einzeltäter, der diese Öffentlichkeit gezielt gesucht hat.

Soweit ich er mitbekommen habe, wollte der Leipziger Täter ein Interview mit einem Radiosender führen, was er wohl auch bekommen hat, um auf seine persönlichen Probleme aufmerksam zu machen. Ob dieses Interview dann auch tatsächlich ausgestrahlt wurde entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich nehme an, daß dies nicht geschah (bitte korrigiert mich an dieser Stelle, wenn nötig).

Unter rein logischen Gesichtspunkten betrachtet, war diese Aktion natürlich blödsinnig, denn er hätte auf seine Situation auch aufmerksam machen können, ohne dafür eine Straftat zu begehen. Heutzutage stehen einem viele Möglichkeiten dafür zur Verfügung.

Konrad Winkler hat sich in seiner Situation so verhalten, wie ich es eben von einem Journalisten erwarten würde. Er war vor Ort, und er hat das ihm in der Situation zur Verfügung stehende Kommunikationsmittel (sein Handy) benutzt, um seinen Bericht abzuliefern. Diesen Bericht hat er nicht über eine Redaktion laufen lassen, sondern gleich und ungefiltert der ganzen Welt zugänglich gemacht.

Aber er war nicht der Einzige, der das getan hat. Auch andere Twitterer haben über die Absperrungen und das Sirenengeheul berichtet, weil sie eben vor Ort waren.

Ist das verwerflich? Sind diese Leute jetzt automatisch gleichzusetzen mit Gaffern, die polizeiliche Maßnahmen behindern? Das kann man im Gesamtzusammenhang wohl kaum aufrecht erhalten.

Wird dabei die Sensationsgier bedient? Möglich, aber das macht auch jeder Zeitungsartikel über dieses Ereignis.

Viel interessanter finde ich aber einen Aspekt, der in der ganze Diskussion bisher noch gar nicht thematisiert wurde, m.E. aber in der Zukunft eine ganz wesentliche Rolle spielen könnte: Was ist eigentlich, wenn sich ein Täter tatsächlich selbst dieser Kommunikationskanäle wie Twitter bedienen würde?

Besonders für Täter die „eine Mission zu erfüllen“ haben, wäre das wohl eine ziemlich interessante Sache.

Dazu müßte derjenige sich nicht mal die Mühe machen, selber auf Diensten wie Twitter aktiv zu sein, es würde vüllig ausreichen, so jemanden unter seine Geiseln zu haben, und denjenigen einfach über die Geschehnisse twittern zu lassen. Die mediale Aufmerksamkeit wäre einem gewiss, und man wäre auch nicht auf Verhandlungsangebote der Polizei angewiesen um seinen Schmarren in die Welt zu senden.

Ich bin mir sicher, daß wir solche Vorfälle in Zukunft tatsächlich erleben werden.

Und damit sind übrigens die ganzen Diskussionen über Medienethik in dieser Beziehung hinfällig. Der Täter kann selber publizieren, sobald ihm die Aufmerksamkeit gewiß ist. Er bräuchte sich dabei weder an einen „Pressekodex“ noch an sonst etwas halten Natürlich könnte man versuchen, dies zu verhindern, in dem man sämtliche Kommunikationsinfrastruktur in dem betreffenden Areal zeitnah[!] abschaltet, aber das dürfte derzeit noch schwieriger sein, als nur eine Telefonleitung zu kappen.

Daß dieser Gedankengang gar nicht so abwegig ist, läßt sich übrigens hier zumindest erahnen. Im verlinkten Artikel befindet sich eine Bilderstrecke, wo auf der ersten Aufnahme ein Bild des Leipziger Geiselnehmers zu sehen ist. Dieses Bild wurde ganz offensichtlich von einer Geisel mit einem Fotohandy aufgenommen.

Welche mediale Aufmerksamkeit hätte dieses Bild wohl erfahren, und welchen Druck hätte es ausüben können, wenn es bereits während der Geiselnahme veröffentlicht worden wäre?…

3 Antworten to “#geiselnahme #leipzig #medienkritik”

  1. Andreas said

    Ich kann als Journalist, und auch gerade als Polizeiberichterstatter, dazu sicherlich ein paar erhellende Infos beitragen:

    1.) Dass Medien an solchen Einsatzorten eintreffen, ist von der Polizei gewollt und gewünscht. Wir werden z. B. per SMS darüber informiert, wenn „wichtige Ereignisse“ (das können schwere Autounfälle, Geiselnahmen, andere Gewalttaten wie Körperverletzungen und Morde, aber auch andere polizeiliche Maßnahmen wie z. B. Plakataktionen der Polizei, sein) anstehen. Und dies rund um die Uhr!

    2.) Bei Verkehrsunfällen auf Autobahnen erhalten wir sogar per weiterer SMS so genannte „Presseanfahrtswege“ mitgeteilt. Diese sind teilweise recht abenteuerlich; da fährt man auch schon mal auf einer vollgesperrten Autobahn 10 km gegen die Fahrtrichtung bis zur Unfallstelle vor … oder man steigt an einer bestimmten Autobahnauffahrt in ein Polizeifahrzeug um, und wird dann bis zur Unfallstelle über den Standstreifen „herangeführt“.

    3.) Solange man sich an die Spielregeln hält (die Behinderung von Rettungsmaßnahmen kommt dabei immer sehr gut … es gibt da Kollegen, die krabbeln unter LKWs, um die darunter liegenden Schwerstverletzten zu interviewen oder zu fotografieren), gibt es mit der Polizei und den anderen Hilfsdiensten normalerweise keine Probleme. Es kommt dann zwar schon einmal vor, dass ein junger Rettungssanitäter einem Journalisten einen dummen Spruch („Ihr sensationsgeilen Böcke!“ ist der Standard …) reindrückt – diese werden aber von erfahrenen Hilfskräften dann aber meistens schnell zurück gepfiffen. Es ist für beide Seiten schließlich ein Geben und Nehmen.

    Zu der Situation in Leipzig selbst kann ich nichts sagen. Wenn aber ein Journalist vor Ort war und – wie hier beschrieben, Zitat: „Im Wesentlichen hat er darüber berichtet, daß er vor Ort ist, wo die Geiselnahme stattfindet, daß Geiseln freigelassen wurde, daß die Polizei Absperrungen vornimmt, daß das SEK eingetroffen ist, daß die Polizei telefonisch Kontakt zum Geiselnehmer aufgenommen hat, und daß Kamerateams vor Ort eingetroffen sind.“ – berichtet, kann ich hieran nichts Negatives feststellen. Diese Informationen kann jeder, der sich vor Ort befindet, ebenso sehen und mitteilen. Was ja auch geschehen ist. Den Kollegen jetzt dafür mit den „Kollegen“, die im „Fall Gladbeck“ derart versagt haben, gleich zu setzen, ist meines Erachtens eine Beleidigung!

    Und wenn man weiß, dass die „Kollegen“, die im „Fall Gladbeck“ federführend die Interviews in der Kölner Innenstadt geführt haben, heute noch als „journalistische Götter“ verehrt werden, könnte man gar nicht so viel essen, wie man eigentlich kotzen möchte …

  2. Paule said

    The Best of Konni Winkler…

    ->Entschuldigt den falschen Ausdruck. Es sind keine Maschinengewehre sondern -pistolen. Mein Fehler.

    ->Drei Beamte mit Maschinengewehren machen sich bereit, zu stürmen.

    ->Ein Polizist ist soeben in die Filiale.

    Wenn Tweets wie diese nicht polizeilich relevant sind dann gibt es das Thema nicht. Das ist einfach hirnrissig so etwas zu twittern. Niemanden hat das zu interessieren. Bei einer Geiselnahmen gibt es zwei Dinge die von von Bedeutung sind. Die Befreiung der Geiseln und die Nichtgefährdung der Einsatzkräfte. Dazu brauche ich weder irgendeinen Kodex noch sonst was. Dazu bedarf es nur im Grunde nur den gesunden Menschenverstand.

    Du bringt hier einen Klassiker eines völlig am Thema vorbeigehenden Beitrags in dem eine klar auf der Hand liegende Verfehlung mit absurden Quervergleichen (Gladbeck) in das rechte Licht gerückt werden soll. Dazu versteigst du dich auch noch darauf das die Kritiker es wohl am liebsten hätten wenn gar nicht live berichtet worden wäre?

    Niemand hat von Konni Winkler verlangt darüber nicht zu berichten. Es ging um die vielen unsinnigen Details über die er twitterte.

    „Aber er war nicht der Einzige, der das getan hat. Auch andere Twitterer haben über die Absperrungen und das Sirenengeheul berichtet, weil sie eben vor Ort waren. Ist das verwerflich? Sind diese Leute jetzt automatisch gleichzusetzen mit Gaffern, die polizeiliche Maßnahmen behindern? Das kann man im Gesamtzusammenhang wohl kaum aufrecht erhalten.“

    Für die Kritik an seiner Person ist es völlig unerheblich ob er der einzige war oder nicht. Den zweiten Teil hab ich mit oben genannten Tweets bereits belegt! Ja es ist verwerflich und vor allem ist es viel schlimmer als ein Gaffer!

    Was bitte soll den dieser Unsinn ob der Täter twittern lassen hätte können. Was hat das mit der Kritik an Konnie Winkler zu tun? Gar nichts.

    Es ging hier um die theoretische Möglichkeit das ein Täter während einer Geiselnahme mit relevanten Infos versorgt werden kann. Mit dem Wissen das es nicht so war versucht du nun im nachhinein zu relativieren. Aber wer bitte konnte das zu dem Zeitpunkt mit 100% Wahrscheinlichkeit wissen. Wer konnte wissen das es ein Einzeltäter war? Wer konnte wissen das er nur die Öffentlichkeit suchte. Wer? Konni Winkler?

    Ich verstehe nicht was da im nach hinein zu rechtfertigen gibt. Und wenn du, der solche Berichterstattung als normal ansieht, die Kritiker als Wichtigtuer bezeichnest wird das ist das nicht nur eine grobe Verdrehung der Tatsachen sondern auch verdammt peinlich. Aber zu solchen Mitteln muss man greifen wenn man etwas rechtfertigt wo es nichts zu rechtfertigen gibt.

  3. Andreas said

    @Paule: Was bitte soll an den Mitteilungen von Konni Winkler denn Deiner Meinung nach „polizeilich relevant“ gewesen sein?

    Der Reihe nach:

    „->Entschuldigt den falschen Ausdruck. Es sind keine Maschinengewehre sondern -pistolen. Mein Fehler.“

    Ok, Konni Winkler hat keine Ahnung von Schusswaffen. Er kann noch nicht einmal ein Maschinengewehr von einer Maschinenpistole unterscheiden.

    „->Drei Beamte mit Maschinengewehren machen sich bereit, zu stürmen.“

    Sicherlich haben sich nicht nur drei Beamte bereit gemacht. Er hat drei Beamte gesehen. Bereit gemacht haben sich sicherlich ein paar mehr … und „stürmen“ können die auch eine Frittenbude: „Mittagspause!“ „Mahlzeit!“

    „->Ein Polizist ist soeben in die Filiale.“

    Ja, und? In China ist ein Sack Reis umgefallen! Wayne?

    Dass der Twitter-Journalist kein journalistisch helles Köpfchen ist, da stimme ich Dir zu. Aber: Die Fakten, die dort getwittert wurden, konnte jeder sehen! Jeder! Vielleicht sogar der Geiselnehmer, wenn er aus dem Fenster schaut.

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